Rohrinnensanierung statt neuer Leitungen: Wann ist das möglich?
Die Antwort in Kürze
Bei Abwasserleitungen ist die Sanierung von innen ein üblicher Weg: Kurzliner reparieren einzelne Schäden, beim Schlauchlining entsteht über ganze Strecken ein neues Rohr im alten.[1] Trinkwasserleitungen dürfen nach dem Wasserversorger MVV dagegen nicht mit Epoxidharz oder Keramik-Komposit beschichtet werden, weil diese Verfahren nicht von den allgemein anerkannten Regeln der Technik gedeckt sind.[2]
Abwasser oder Trinkwasser: ein grundlegender Unterschied
Wer von Rohrinnensanierung spricht, meint zwei verschiedene Dinge. Bei Abwasserleitungen unterscheidet das Bayerische Landesamt für Umwelt Reparatur, Renovierung und Erneuerung: Bei der Renovierung bleibt die alte Leitung erhalten und wird innen ausgekleidet, bei der Erneuerung wird sie gegen eine neue getauscht.[1] Für die Trinkwasserleitung, aus der Sie trinken und kochen, gelten strengere Maßstäbe.
Steht wegen einer undichten Leitung schon Wasser im Haus, kommt vor jeder Sanierungsfrage die Sicherheit. Der Stromkreis des nassen Bereichs wird an seiner Sicherung getrennt, ein Lichtschalter reicht dafür nicht. Liegt der Sicherungskasten selbst in der Nässe, bleibt der Raum gesperrt, zuständig sind dann Feuerwehr oder Netzbetreiber. Bei steigendem Wasser im Keller bleibt er für alle gesperrt.
Kurzliner und Schlauchlining im Abwasserrohr
Kurzliner sind nach dem Landesamt vorgefertigte Schlauchstücke aus Glasfasergewebe oder Nadelfilz, getränkt mit Reaktionsharz, die ein Roboter, der Packer, zur Schadstelle bringt und dort auf etwa 50 Zentimetern an die Rohrwand presst und verklebt.[1] Beim Schlauchlining wird ein harzgetränkter Schlauch über Revisionsschächte, Fallrohre oder den öffentlichen Kanal in die Leitung gezogen, an die Wand gepresst und mit Warmwasser, Dampf oder UV-Licht ausgehärtet.[1] Für alte Wasserleitungen aus Stahl bieten manche Firmen ebenfalls eine Beschichtung von innen an, die aber anders zu bewerten ist als ein Liner im Abwasserrohr.
Nach der Übersicht des Bayerischen Landesamts für Umwelt.[1]
Eine Reparatur lohnt sich nach dem Landesamt, wenn wenige kleine Schäden vorhanden sind und auch künftig nur wenige zu erwarten sind, bei größeren Schäden wird renoviert oder erneuert.[1] Welcher Weg passt, entscheidet der Befund der Kamerainspektion. Bei einer Kamerabefahrung zeigt der Bildschirm Risse, versetzte Muffen und Ablagerungen, die im Protokoll mit ihrer Lage festgehalten werden.
Wann das alte Rohr raus muss
Eine Neuverlegung ist nach dem Landesamt sinnvoll, wenn die Leitung zum Beispiel teilweise eingestürzt ist oder die anfallende Abwassermenge nicht mehr fasst.[1] In offener Bauweise bietet sie sich an, wenn die Leitung nicht besonders tief liegt und der Raum darüber weder überbaut noch hochwertig versiegelt ist, wobei die Baugrube die Standsicherheit von Gebäude und Bäumen nicht gefährden darf.[1]
Beim Berstlining zieht ein Seil einen kegelförmigen Berstkopf durch den alten Kanal, der das Rohr zertrümmert und die Bruchstücke ins Erdreich drückt, während dahinter das neue Rohr eingezogen wird.[1] Muss erneuert werden, rät das Landesamt, die Leitung möglichst gerade zu verlegen, damit sie sich später leichter prüfen lässt.[1]
Die Sanierung organisiert und finanziert der Grundstückseigentümer, und für Planung und Überwachung hält das Landesamt ein unabhängiges Ingenieurbüro für besser als die Planung durch die Sanierungsfirma, vor allem bei großen Vorhaben.[1] Grundlage sind die Prüfergebnisse, der aktualisierte Entwässerungsplan und Rahmenbedingungen wie das Alter der Anlage, der Grundwasserstand und die Nutzung des Grundstücks.[1] Große Schäden werden möglichst sofort behoben, geringe bis mittlere lassen sich oft günstiger zusammen mit anderen Arbeiten sanieren.[1] Liegt die Leitung im Haus unter Fliesen, lässt sich ein Austausch oft mit einer Badsanierung verbinden, bei der die Wand ohnehin geöffnet wird.
Woran Sie eine saubere Ausführung erkennen
Nach der Sanierung wird die Leitung erneut mit der Kamera untersucht, nach einer Renovierung oder Erneuerung zusätzlich mit einer Druckprüfung, und beides wird dokumentiert.[1] So haben Sie den Nachweis, dass vertragsgemäß gearbeitet wurde, und können ihn den Behörden vorlegen.[1]
Die Münchner Stadtentwässerung beschreibt Fehler, die sie im Anschlusskanal findet: Ein Schlauchliner muss kraftschlüssig mit dem Altrohr verklebt sein, löst er sich, kann bei Rückstau Schmutzwasser durch den Spalt in den Untergrund gelangen.[3] Ein Liner, der die erste Rohrverbindung nicht überdeckt, gilt nicht als fachgerechte Sanierung, und ein Linerende, das in den städtischen Kanal ragt, kann zu Verstopfung und Rückstau bei den Nachbarn führen.[3]
Trinkwasserleitungen: warum Beschichtungen tabu sind
Der DVGW hat seine Arbeitsblätter zur Epoxidharzsanierung im Jahr 2011 zurückgezogen, weil aus trinkwasserhygienischer und technischer Sicht relevante Datengrundlagen fehlten, seitdem gibt es dafür kein Regelwerk mehr.[2] Die MVV Energie hält eine Gefährdung der Nutzer nicht für ausgeschlossen, gerade für eine chemische oder thermische Desinfektion im Warmwasserbereich fehlen belastbare Daten zur Wasserbeschaffenheit.[2] Platzt eine Trinkwasserleitung, stellt der Notdienst den Strang ab, bevor über Austausch oder Sanierung entschieden wird.
Probleme entstehen nach dem Versorger auch bei unsachgemäßer Ausführung, besonders wenn Verkrustungen nicht vollständig entfernt werden und das Harz an der Rohrwand nicht haftet.[2] Die Stadtwerke Mühlacker verweisen zusätzlich auf Urteile des Landgerichts Mannheim vom 23.10.2014 und des Oberlandesgerichts Karlsruhe vom 16.12.2015 und lassen das Epoxidharzverfahren in ihrem Gebiet nicht zu.[4]
Was bei alten Trinkwasserleitungen bleibt
Für die Trinkwasserinstallation ab der Übergabestelle ist nach den Stadtwerken Mühlacker der Anschlussnehmer verantwortlich, in der Regel der Eigentümer.[4] Der Hauseigentümer muss nach der MVV sicherstellen, dass von seiner Hausinstallation keine schädlichen Rückwirkungen auf das Versorgungsnetz ausgehen.[2] Wählt man ein Verfahren, das die allgemein anerkannten Regeln der Technik einhält, kann nach dem Versorger davon ausgegangen werden, dass die Anforderungen an die Trinkwasserqualität beachtet sind.[2]
Für marode Trinkwasserleitungen bleibt damit vor allem der Austausch der betroffenen Stränge. Sind Leitungen nach einem Leck ohnehin offen, lohnt sich die Frage, welche Abschnitte gleich mit erneuert werden.
Häufige Fragen
Wie lange hält ein Schlauchliner im Abwasserrohr?
Das Bayerische Landesamt für Umwelt rechnet bei einer Renovierung im Inlinerverfahren mit einer mittleren Nutzungsdauer von 25 bis 50 Jahren.[1] Eine Reparatur mit Kurzliner hält nach derselben Übersicht zwei bis 15 Jahre.[1]
Darf meine Trinkwasserleitung mit Epoxidharz saniert werden?
Nach der MVV Energie ist die Innenbeschichtung häuslicher Trinkwasserleitungen mit Epoxidharz oder Keramik-Komposit unzulässig, solange nicht nachgewiesen ist, dass das Verfahren die allgemein anerkannten Regeln der Technik erfüllt.[2] Fragen Sie vorher bei Ihrem Wasserversorger nach.
Wird das Abwasserrohr nach der Sanierung geprüft?
Ja. Nach dem Landesamt folgt immer eine Kamerainspektion, nach Renovierung oder Erneuerung zusätzlich eine Druckprüfung, und beides wird dokumentiert.[1]
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Belege
Quellen
- Bayerisches Landesamt für Umwelt (LfU): UmweltWissen Wasser: Private Abwasserleitungen prüfen und sanieren. Ausgabe 2017, Kapitel 4 Sanieren mit Tabelle 3. Abgerufen am 08.10.2026. ↑1↑2↑3↑4↑5↑6↑7↑8↑9↑10↑11↑12↑13↑14↑15↑16↑17↑18
- MVV Energie AG: Merkblatt Rohrinnensanierung: Rohrinnensanierung von Trinkwasserleitungen durch Epoxidharzbeschichtung oder Keramik-Komposit-Verfahren ist unzulässig. Stand 02/2024, ganze Seite. Abgerufen am 08.10.2026. ↑1↑2↑3↑4↑5↑6↑7
- Münchner Stadtentwässerung (Landeshauptstadt München): Infoblatt: Häufige Schadensarten am Anschlusskanal. Seiten 8 und 9, nicht fachgerechte Sanierung. Abgerufen am 08.10.2026. ↑1↑2
- Stadtwerke Mühlacker GmbH: Merkblatt für die Trinkwasserinstallation. Stand 05.05.2017, Einleitung und Abschnitt 3 Rohrinnensanierung. Abgerufen am 08.10.2026. ↑1↑2
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