Fliesen nach Wasserschaden: Können sie liegen bleiben?
Die Antwort in Kürze
Fliesen selbst nehmen durch Wasser kaum Schaden, und zementäre Fliesenkleber müssen ihre Haftung nach DIN EN 12004 auch nach einer Wasserlagerung nachweisen.[1] Das Problem liegt unter dem Belag: Dort kann sich Wasser auf der Abdichtungsebene ausbreiten und Kleber und Untergrund noch Wochen später durchfeuchten.[2] Ob nur einzelne Fliesen ersetzt werden oder die ganze Fläche neu kommt, hängt bei der Versicherung auch davon ab, ob passende Ersatzfliesen zu bekommen sind.[3]
Was Fliesen und Kleber aushalten
Zementäre Fliesenkleber werden nach der europäischen Norm DIN EN 12004 in Klassen eingeteilt, und die Haftzugfestigkeit wird nach vier Lagerungsarten geprüft: trocken, im Wasser, in der Wärme und nach Frost-Tau-Wechseln.[1] Klasse C1 verlangt nach jeder dieser Lagerungen mindestens 0,5 Newton je Quadratmillimeter, Klasse C2 mindestens 1 Newton je Quadratmillimeter.[1]
Die Zusatzklassen S1 und S2 beschreiben die Verformbarkeit des ausgehärteten Mörtels: S1 verlangt eine Durchbiegung von mindestens 2,5 Millimetern, S2 von mindestens 5 Millimetern.[1] Seit dem 01.04.2004 ist für Fliesenkleber eine CE-Kennzeichnung vorgeschrieben, und die Mindestanforderung dafür ist die Klasse C1.[1] Ein fachgerecht verlegter Belag löst sich darum nicht schon deshalb, weil er nass geworden ist.
Anders sieht es aus, wenn der Untergrund selbst leidet. Gipsputze, Gipsplatten und Calciumsulfatestriche zählen nach der Abdichtungsnorm für Innenräume zu den feuchteempfindlichen Untergründen.[4] Klingen Fliesen nach einem Schaden hohl oder bewegen sie sich, gehört der Untergrund geprüft, bevor über Liegenlassen entschieden wird.
Wo das Wasser unter Fliesen hinläuft
Wie weit Wasser unter einem Fliesenbelag wandern kann, zeigt ein Fall des Instituts für Schadenverhütung und Schadenforschung aus einem Neubau. Zuerst zeigten sich nasse Stellen im Flur einer Wohnung, dann in drei weiteren, doch die Leitungen für Trinkwasser, Heizung und Abwasser erwiesen sich bei der Ortung als dicht.[2] Das Wasser kam aus der bodengleichen Dusche.[2]
Über kleinere Schäden an Fliesen und Silikonfugen gelangte es auf die Abdichtungsebene und lief unter einer Zierleiste am Duschübergang und unter der Abschlussleiste an der Badtür weiter bis in den Flur, wo es den Holzfußboden beschädigte.[2] Der Fliesenkleber war auch Wochen nach der letzten Dusche stellenweise völlig durchfeuchtet.[2] Nach der Planung hätte die Abschlussleiste unter der Abdichtungsebene liegen müssen, falsch eingebaut war sie in allen etwa 90 Wohnungen des Gebäudes.[2]
Abdichtung unter dem Belag
Wie unter Fliesen in Innenräumen abgedichtet wird, regelt die DIN 18534, die nach dem Fachportal ausbaupraxis seit Mitte 2017 gilt und auch Abdichtungen im Verbund mit Fliesen und Platten normativ erfasst, flüssig, als Bahn oder als Platte.[4] Seitdem ist auch im privaten Bereich ein Nachweis nötig, dass ausschließlich im System geprüfte Produkte verwendet werden.[4]
Die Norm teilt Flächen in Wassereinwirkungsklassen ein, und häusliche Badezimmer werden höchstens der Klasse W2-I zugeordnet.[4] Für die Klassen W0-I und W1-I sind auch feuchteempfindliche Untergründe zulässig, etwa Gipsputze, Gipsplatten oder Calciumsulfatestriche, für W2-I und W3-I nur feuchteunempfindliche wie Beton, Zementputz oder Zementestrich.[4] Liegt die Abdichtung unter den Fliesen, hält sie Wasser vom Untergrund fern, solange sie intakt ist, und sie hält Wasser, das von unten kommt, ebenso unter dem Belag fest. Steht Wasser unter einer intakten Abdichtung, holt die Wasserschadensanierung es über Bohrungen in den Fugen heraus, oft ohne dass Fliesen fallen.
Trocknen unter Fliesen
Unter einem gefliesten Boden kann nasser Estrich nur langsam nach oben abtrocknen. Liegt eine Dämmschicht darunter, trocknen wir sie über Bohrungen und die Randfuge technisch, und die Bohrungen lassen sich in die Fugen setzen, damit möglichst wenige Fliesen leiden. Wo das nicht reicht oder der Untergrund unter den Fliesen geschädigt ist, werden einzelne Fliesen oder Flächen gezielt aufgenommen.
Vor der Entscheidung steht eine Messung: Sie zeigt, wie weit die Feuchte im Estrich, in der Dämmschicht und in angrenzenden Wänden reicht. Gerade bei bodengleichen Duschen lohnt der Blick auf Übergänge, Leisten und Anschlüsse, weil Wasser dort den Raum verlassen kann, ohne dass es in der Dusche auffällt.
Einzelne Fliesen oder neue Fläche
Bei Teilschäden ersetzt der Wohngebäudeversicherer nach den im Verfahren vereinbarten Bedingungen die notwendigen Reparaturkosten und eine Wertminderung, die sich durch die Reparatur nicht ausgleichen lässt, höchstens den Versicherungswert.[3] Werden einzelne Badfliesen beschädigt und gibt es gleichartige Ersatzfliesen, liegt nach einem Urteil des Landgerichts Münster vom 19.09.2019 nur ein Teilschaden an der versicherten Sache Badezimmerverfliesung vor.[3] Auch wenn keine Ersatzfliesen mehr zu bekommen sind, ist nach dem Urteil nicht notwendig ein Totalschaden gegeben, denn eine Sache kann als repariert gelten, wenn ihr Aussehen noch beeinträchtigt ist und eine Wertminderung den Unterschied ausgleicht.[3] Ob einzelne Fliesen ersetzt werden müssen, zeigt oft das Abklopfen, denn hohl klingende Fliesen haben sich vom Kleber gelöst.
Für die Zumutbarkeit kommt es nach dem Gericht darauf an, ob auch ein nicht versicherter Eigentümer bei verständiger Würdigung reparieren würde oder ob eine Neuverfliesung Luxusaufwand wäre, und bei optischen Beeinträchtigungen auf Zweck, Art, Größe und Lage der Schadenstelle sowie den bisherigen Zustand.[3] Dass keine Ersatzfliesen erhältlich waren, muss nach dem Urteil der Versicherungsnehmer beweisen.[3] Nach dem Gutachter im Verfahren haben sich einige Firmen darauf spezialisiert, alte Lagerbestände aufzukaufen und stückweise für Reparaturen zu verkaufen, und für Fliesen der 60er und 70er Jahre verlaufe die Suche nach Ersatz in aller Regel erfolgreich.[3] Anders entschied nach dem Urteil das Oberlandesgericht Düsseldorf am 04.04.2006 in einem Fall, in dem die komplette Neuverfliesung nur rund 20 Prozent mehr kostete als eine Reparatur mit Austauschfliesen.[3] Passende Ersatzfliesen setzt ein Fliesenleger so ein, dass Fugenbild und Höhe zur alten Fläche passen.
Häufige Fragen
Muss die Versicherung das ganze Bad neu fliesen?
Nicht automatisch. Nach dem Landgericht Münster liegt bei einzelnen beschädigten Fliesen mit erhältlichem Ersatz nur ein Teilschaden vor, und auch ohne passenden Ersatz kann eine Reparatur mit Wertminderung zumutbar sein.[3]
Lohnt es, Ersatzfliesen aufzuheben?
Ja. Wer nach dem Verlegen einen Karton derselben Charge aufbewahrt, kann später einzelne Fliesen ohne Farbunterschied ersetzen.
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Belege
Quellen
- Sopro Bauchemie GmbH (Marke Racofix, Hersteller): Europäische Normen für Fliesenkleber. Abschnitte Haftfestigkeit, Durchbiegung und CE-Kennzeichnung. Abgerufen am 05.10.2026. ↑1↑2↑3↑4↑5
- Institut für Schadenverhütung und Schadenforschung der öffentlichen Versicherer (IFS): Abdichtung ohne Ende. Schadenbericht vom 13.11.2023. Abgerufen am 05.10.2026. ↑1↑2↑3↑4↑5↑6
- Landgericht Münster (Rechtsprechungsdatenbank NRWE der Justiz Nordrhein-Westfalen): Urteil vom 19.09.2019, 15 S 23/15. Entscheidungsgründe Randnummern 58 bis 62. Abgerufen am 05.10.2026. ↑1↑2↑3↑4↑5↑6↑7↑8↑9
- RM Rudolf Müller Medien GmbH & Co. KG (Fachportal ausbaupraxis): Einfach Abdichten mit der DIN 18534. Abschnitte Überblick, Wassereinwirkungsklassen und Bedeutung der Wassereinwirkungsklasse. Abgerufen am 05.10.2026. ↑1↑2↑3↑4↑5
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