Biozid
Auch: Biozidprodukt
Ein Biozid ist ein Stoff oder Gemisch, das Schadorganismen auf andere Art als durch bloße physikalische oder mechanische Einwirkung zerstören, abschrecken, unschädlich machen oder bekämpfen soll.[1] Dazu zählen Insektizide und Rattengifte ebenso wie Produkte zur Schimmelbekämpfung, Holzschutzmittel und Händedesinfektionsmittel.[1] Biozidprodukte dürfen erst nach einer Zulassung auf den Markt und verwendet werden.[1]
So wird ein Biozid gegen Schimmel eingesetzt
Schematische Darstellung eines Raums in einem denkmalgeschützten Haus mit Bautrockner, Stuckfeld, Drucksprüher und Sicherheitsdatenblatt. Die Nummern folgen der Reihenfolge der Entscheidung: erst die Feuchte, dann der Ausnahmefall, dann Wirkstoff, Datenblatt, Schutz und Ablauf.
- Zuerst die Feuchte beseitigen: Ein Bautrockner holt die Feuchte aus dem Raum. Das Umweltbundesamt hält die Beseitigung der Ursache für das Beste, eine Biozidbehandlung bleibt der Ausnahmefall.
- Nur, wo nichts ausgebaut wird: Verbietet der Denkmalschutz, Baumaterial zu entfernen, oder lässt sich ein Bauteil nicht schnell trocknen, kommt eine Behandlung schwer zugänglicher Flächen in Betracht. Das Stuckfeld mit Befall in der Ecke steht für diesen Fall.
- Wirkstoff gegen Schadorganismen: Der Drucksprüher bringt den Wirkstoff mit der Lanze auf den Befall. Oxidierende Stoffe wie Wasserstoffperoxid zerstören die Zellstrukturen der Pilze auf Putz, Mauerwerk oder Tapete, erlaubt sind nur Produkte mit genehmigten Wirkstoffen.
- Gefahrenzeichen und Datenblatt: Biozidprodukte gelten als potenziell gefährliche Chemikalien. Vor dem Einsatz steht das Sicherheitsdatenblatt mit den Schutzmaßnahmen, das Gefahrenzeichen auf Tank und Blatt zeigt die Einstufung.
- Brille und Handschuhe: Sprays können in unbelüfteten Räumen ohne Schutzausrüstung die Atemwege reizen und die Augen schädigen. Darum hängen Schutzbrille und Handschuhe bereit, und das Fenster bleibt gekippt, solange gearbeitet wird.
- Nicht ins Abwasser: Quaternäre Ammoniumverbindungen binden in Kläranlagen fast vollständig an den Klärschlamm und gelangen mit ihm in Böden. Reste und Spülwasser gehören darum nicht in den Ablauf, der Eimer sammelt sie.
Was ein Biozid ist
Als Biozidprodukt gelten neben Mitteln, die direkt auf Schadorganismen wirken, auch Produkte, die Schädigungen vorbeugen sollen, deshalb können auch Lockmittel und Repellentien Biozidprodukte sein.[1] Ob ein Produkt tatsächlich ein Biozidprodukt ist, lässt sich nach der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in einigen Fällen nicht einfach beantworten.[1]
Ein Schadorganismus ist ein Organismus einschließlich Krankheitserregern, der für Menschen, ihre Tätigkeiten oder Produkte, für Tiere oder die Umwelt unerwünscht oder schädlich ist, und ein Wirkstoff ist ein Stoff oder Mikroorganismus mit einer Wirkung auf oder gegen Schadorganismen.[1] Behandelte Waren sind Stoffe, Gemische oder Erzeugnisse, die mit Biozidprodukten behandelt wurden oder sie absichtlich enthalten.[1]
Solche behandelten Waren begegnen einem im Alltag als Müllbeutel, Schneidebretter, Arbeitsflächen, Duschvorhänge oder Textilien, die mit Hygienefunktion oder geruchshemmenden Eigenschaften beworben werden.[2] Reiniger, die mit antibakterieller oder antiviraler Wirkung oder mit dem Entfernen von 99,9 Prozent aller Keime werben, sind nach dem NABU Biozidprodukte, weil eine desinfizierende Wirkung beabsichtigt ist.[2]
Die Biozid-Verordnung
Die Verordnung (EU) Nr. 528/2012 regelt die Bereitstellung auf dem Markt und die Verwendung von Biozidprodukten in der gesamten EU und betrifft damit Händler, Inverkehrbringer und Verwender.[1] Sie legt ein zweistufiges Verfahren fest: Zuerst werden die Wirkstoffe bewertet und gegebenenfalls genehmigt, danach folgt die Zulassung der Biozidprodukte, die diese genehmigten Wirkstoffe enthalten.[1]
Biozidprodukte dürfen nur Wirkstoffe enthalten, die in der Unionsliste der genehmigten Biozid-Wirkstoffe stehen, einer Positivliste, und an diesem Genehmigungsverfahren sind alle Mitgliedstaaten beteiligt.[1] Für sogenannte Altwirkstoffe, die am 14.05.2000 als Wirkstoff eines Biozidprodukts im Verkehr waren, gelten Übergangsregeln, und Produkte mit ausschließlich solchen Wirkstoffen dürfen für eine Übergangszeit noch ohne Zulassung angeboten werden, müssen in Deutschland aber gemeldet werden.[1]
Zuständige Behörde in Deutschland ist die Bundesstelle für Chemikalien an der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, die die Biozid-Verfahren koordiniert und für bestimmte Bereiche auch bewertet.[1] Biozidprodukte sind nach der Behörde potenziell gefährliche Chemikalien, beim Arbeiten mit ihnen kann es zu akuten Vergiftungen und chronischen Erkrankungen kommen.[1]
Produktarten der Biozide
Die Verordnung ordnet Biozidprodukte 22 Produktarten zu, die in vier Hauptgruppen zusammengefasst sind.[1] Für Gebäude sind vor allem Desinfektionsmittel, Beschichtungsschutzmittel, Holzschutzmittel und Schutzmittel für Baumaterialien von Bedeutung.
Nach der Übersicht der Produktarten bei der BAuA.[1]
Wer ein Mittel kauft, sollte auf der Verpackung nach Wirkstoff und Anwendungshinweisen schauen und das Sicherheitsdatenblatt lesen, das die Schutzmaßnahmen für die Anwendung nennt. Ein Produkt, das mit einer Wirkung gegen Keime oder Pilze wirbt, ist kein harmloser Reiniger. Bei einer Schimmelsanierung setzen Fachbetriebe solche Mittel nur gezielt ein, weil Entfernen und Trocknen den Befall dauerhaft beseitigen, ein Mittel allein dagegen nicht.
Biozide gegen Schimmel
Für die direkte Behandlung von Befall setzen Schimmelentferner nach dem Umweltbundesamt auf oxidierende Wirkstoffe, genannt werden Wasserstoffperoxid, Natriumhypochlorit und Peressigsäure, und diese zerstören Zellstrukturen von Pilzen, die sich in Fugen, auf Fliesen, Putz, Mauerwerk oder Tapeten angesiedelt haben.[3] Als chlorfrei beworbene Mittel für die Langzeitbekämpfung arbeiten oft mit quaternären Ammoniumverbindungen, das Amt nennt ADBAC, BKC und DDAC, die zusätzlich Sporenkeimung und Hyphenwachstum hemmen und auch gegen Viren und Bakterien wirken.[3]
In Kläranlagen binden quaternäre Ammoniumverbindungen fast vollständig an den Klärschlamm und können mit ihm als Dünger in Böden gelangen, und im Sinne der Vorsorge sollten Einträge über das Abwasser vermieden werden.[3] Zugelassen ist in der EU auch ein Mikroorganismus, Pythium oligandrum M1, der Schimmel auf Mauerwerk im Innenbereich bekämpfen soll, ein Eipilz, der in die Zellwände der Schimmelpilze eindringt und sie als Nährstoffquelle nutzt, und seine Oosporen können auch trocken mehrere Jahre überdauern und bei Feuchtigkeit wieder auskeimen.[3]
Die Stiftung Warentest sieht vor allem Sprays mit Natriumhypochlorit kritisch, die oft mit Aktivchlor beworben werden: In unbelüfteten Räumen oder ohne Schutzausrüstung versprüht, können sie nach dem Test die Atemwege heftig reizen und die Augen schädigen.[4] Weniger Gesundheitsrisiken bergen nach dem Test Mittel ohne Hypochlorit, der Testsieger unter 14 Schimmelentfernern wirkt mit Wasserstoffperoxid.[4]
Wann ein Biozid gegen Schimmel sinnvoll ist
Auch wenn es eine Reihe von Wirkstoffen gibt, ist es nach dem Umweltbundesamt das Beste, die Ursache des Befalls zu beseitigen, und nur in wenigen Ausnahmefällen ist eine Biozidbehandlung sinnvoll.[3] Verbietet der Denkmalschutz, Baumaterial zu entfernen, oder lässt sich ein Bauteil nicht schnell trocknen, kann bei vermutetem Befall eine Behandlung schwer zugänglicher Oberflächen zur Verzögerung des Wachstums in Betracht kommen, etwa durch Vernebeln von Wasserstoffperoxid in unerreichbaren Hohlräumen.[3]
Ist die Feuchtequelle beseitigt und die befallene Tapete entfernt, sind Anti-Schimmel-Produkte nach der Verbraucherzentrale schlicht überflüssig.[5] Manche Wirkstoffe gegen Schimmel, Pilze und Bakterien können nach der Verbraucherzentrale Kontaktallergien auslösen, die ein Leben lang bleiben, sie gelangen in Hausstaub und Raumluft, und die meisten Anti-Schimmel-Substanzen sind auch für Wasserorganismen sehr schädlich.[5]
Ein Biozid auf eine feuchte Wand zu sprühen, ohne die Feuchtequelle zu kennen, verschiebt das Problem nur. Der Pilz wächst wieder, sobald der Wirkstoff nachlässt, und die Feuchte arbeitet im Bauteil weiter.
Biozide im Haushalt vermeiden
Robert Koch-Institut, Bundesinstitut für Risikobewertung und Umweltbundesamt halten Desinfektionsmittel im Haushalt nach dem NABU in der Regel nicht für notwendig, und die Risiken einer falschen Anwendung werden oft unterschätzt, dazu zählen resistente Bakterien, Kreuzresistenzen gegen Antibiotika und allergische Reaktionen.[2] Biozide aus Fassadenschutzmitteln gegen Algen werden bei Regen ausgewaschen und gelangen ins Grundwasser oder in Gewässer, und Kläranlagen können viele Biozide nicht herausfiltern.[2]
Für den Alltag reichen nach dem NABU ein milder Allzweckreiniger, Spülmittel, Reiniger auf Zitronensäurebasis und Scheuermilch ohne Bleichmittel, und tägliches Stoßlüften bei weit geöffnetem Fenster, mehrmals fünf bis zehn Minuten, hält die Luftfeuchte gering und hemmt das Wachstum von Pilzen und Bakterien.[2] Ist ein Befall durch Schädlinge oder Schimmel trotz Vorbeugung zu groß, sollte eine Fachkraft ihn bestimmen und bekämpfen.[2] Eine Studie der Stiftung Warentest ergab nach dem NABU, dass antimikrobielle Reiniger und Waschmittel Keime nicht wesentlich stärker verringern als herkömmliche Produkte.[2]
Wie wir mit Bioziden umgehen
Bei Schimmel setzen wir zuerst auf Ursachenbeseitigung, Ausbau befallener Materialien, Trocknung und Feinreinigung. Ein Biozid verwenden wir nur gezielt, etwa an Bauteilen, die nicht ausgebaut werden können, und wählen dann zugelassene Produkte mit bekanntem Wirkstoff.
Vor dem Einsatz lesen wir das Sicherheitsdatenblatt, sorgen für Lüftung und Schutzausrüstung und informieren die Bewohner, wann die Räume wieder genutzt werden können. Welcher Wirkstoff wo eingesetzt wurde, halten wir in der Dokumentation fest. Wie Wasserstoffperoxid wirkt, erklärt der gleichnamige Begriff, und was die Feinreinigung leistet, der Begriff Feinreinigung.
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Belege
Quellen
- Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA): Die Biozid-Verordnung. Abschnitte Definition eines Biozids, Biozid-Verordnung, Genehmigung eines Biozid-Wirkstoffs, Zulassung von Biozidprodukten, Zuständige Behörden und Begriffsbestimmungen mit Produktarten. Abgerufen am 06.10.2026. ↑1↑2↑3↑4↑5↑6↑7↑8↑9↑10↑11↑12↑13↑14↑15
- Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU): Biozide im Haushalt. Abschnitte Wo kommen Biozide im Haushalt vor, Gründe auf Biozidprodukte zu verzichten und Vorbeugen statt Chemiekeule. Abgerufen am 06.10.2026. ↑1↑2↑3↑4↑5↑6↑7
- Umweltbundesamt (UBA): Wirkstoffe zur Schimmelbekämpfung. Abschnitt Schimmelbekämpfung mit Bioziden, zuletzt aktualisiert 25.09.2026. Abgerufen am 06.10.2026. ↑1↑2↑3↑4↑5↑6
- Stiftung Warentest: Mittel gegen Schimmel: Hausmittel und chemische Keulen im Test. Test Schimmelentferner 02/2022, frei zugängliche Abschnitte und Antworten der Redaktion vom 05.05.2025 und 19.05.2025. Abgerufen am 06.10.2026. ↑1↑2
- Verbraucherzentrale: Schimmel an der Wand entfernen: Das können Sie tun. Abschnitte Auf kleinen Flächen: Schimmel selbst entfernen und Anti-Schimmel-Produkte. Abgerufen am 06.10.2026. ↑1↑2
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