Überdruckverfahren
Auch: Druckverfahren
Beim Überdruckverfahren, im Leitfaden des Umweltbundesamtes Druckverfahren genannt, wird vorgetrocknete Luft durch Öffnungen im Estrich oder über die Randfugen in die Dämmschicht geblasen. Sie nimmt dort Feuchte aus den Baustoffen auf, tritt an Austrittsöffnungen in den Raum und muss dort abgeführt werden.[1] Bei Schimmelbefall trägt der Luftstrom mikrobielle Bestandteile unkontrolliert in die Raumluft.[1]
So drückt das Überdruckverfahren Luft durch die Dämmschicht
Schematische Darstellung des Druckverfahrens im aufgeschnittenen Boden: Vorgetrocknete Luft geht durch die Bohrung in die nasse Dämmung und kommt an der Randfuge in den Raum. Die Nummern folgen der Luft vom Trockner bis zum Entfeuchter.
- Trockner trocknet die Luft vor: Vor dem Einblasen läuft die Luft über ein Trocknungsgerät. Je trockener sie in die Dämmschicht geht, desto mehr Wasser kann sie auf ihrem Weg aufnehmen.
- Verdichter drückt Luft in den Boden: Ein Verdichter, meist ein Seitenkanalgebläse, drückt die vorgetrocknete Luft mit gleichbleibendem Volumenstrom in die Dämmschicht unter dem Estrich.
- Luft tritt durch die Bohrung ein: Durch die Bohrungen im Estrich, wahlweise auch an den Randfugen, gelangt die Luft in den Hohlraum zwischen Estrich und Rohdecke. Die Bohrungen verteilen wir so, dass die Luft einen möglichst langen Weg durch die nasse Zone nimmt.
- Luft nimmt Feuchte aus der Dämmung auf: In der Trittschall- oder Wärmedämmung reichert sich die Luft mit Feuchte aus den Baustoffen an und sucht sich ihren Weg zu den Stellen, an denen sie entweichen kann.
- Feuchte Luft tritt aus der Randfuge aus: An der Randfuge und an weiteren Öffnungen kommt die Luft warm und feucht in den Raum. Dort muss spürbar Luft austreten, sonst ist die Dämmschicht an dieser Stelle zu dicht, und die Bohrungen gehören anders gesetzt.
- Staub und Sporen kommen mit in den Raum: Was in der Dämmschicht liegt, trägt der Luftstrom ungefiltert in die Raumluft: Dämmstofffasern, Quarzstaub und bei Befall Sporen. Darum bleibt das reine Überdruckverfahren ungenutzten Räumen ohne Befall vorbehalten.
- Entfeuchter nimmt die Feuchte auf: Die feuchte Luft bleibt im Raum und muss dort abgeführt werden. Ein Luftentfeuchter läuft deshalb immer mit, sonst steigt die Raumluftfeuchte, und die Trocknung bremst sich selbst.
Wie das Überdruckverfahren arbeitet
Ein Verdichter drückt Luft in die Dämmschicht unter dem Estrich. Meist ist das ein Seitenkanalgebläse, das nach dem Hersteller Busch sowohl Vakuum als auch Überdruck erzeugen kann und sich für Anwendungen eignet, die einen gleichbleibenden Volumenstrom brauchen.[2] Die Luft verteilt sich im Hohlraum zwischen Estrich und Rohdecke und sucht sich ihren Weg zu den Stellen, an denen sie entweichen kann, zur Randfuge und zu weiteren Öffnungen.
Vorher wird sie getrocknet. Das Umweltbundesamt beschreibt, dass die Luft über ein technisches Trocknungsgerät getrocknet, über Einblasöffnungen wie Randfugen oder Bohrungen eingeblasen wird und sich in der Trittschall- oder Wärmedämmung mit Feuchte aus den Baumaterialien anreichert.[1] Je trockener sie hineingeht, desto mehr Wasser kann sie auf ihrem Weg aufnehmen. Wir verteilen die Bohrungen so, dass die Luft einen möglichst langen Weg durch die nasse Zone nimmt, bevor sie an der Randfuge austritt, denn Luft, die den kürzesten Weg nach draußen findet, trocknet nur den Rand.
Warum die Luft vorgetrocknet sein muss
Ein Rechenbeispiel mit angenommenen Werten zeigt den Unterschied. Luft, die ein Adsorptionstrockner mit 30 °C und 15 Prozent relativer Luftfeuchtigkeit abgibt, trägt rund 4,5 Gramm Wasser je Kubikmeter.[3][4] Kühlt sie in der Dämmschicht auf 22 °C ab und sättigt sich dort, kann sie bis zu rund 19,4 Gramm je Kubikmeter tragen, jeder Kubikmeter kann also höchstens rund 14,8 Gramm Wasser aufnehmen.[3][4]
Mit feuchter Raumluft sähe dieselbe Rechnung schlecht aus. Luft, die schon nahe an ihrer Sättigung ist, kann in der Dämmschicht kaum noch Wasser aufnehmen, und kühlt sie dort ab, kann sie sogar Wasser abgeben. Die Werte sind Obergrenzen: In der Wirklichkeit sättigt sich die Luft auf ihrem Weg durch die Dämmung selten vollständig.
Die Rechnung zeigt auch, was im Raum ankommt. Bei angenommenen 50 Kubikmetern je Stunde und der oben berechneten Obergrenze von 14,8 Gramm je Kubikmeter könnten über einen Tag bis zu rund 17,8 Kilogramm Wasser aus der Dämmschicht in den Raum getragen werden.[3][4] Diese Menge muss ein Luftentfeuchter im Raum wieder aufnehmen, sonst steigt die Luftfeuchte, und die Trocknung bremst sich selbst.
Die feuchte Luft kommt im Raum an
Die Luft, die aus der Randfuge austritt, ist warm und feucht, und sie bleibt im Raum. Das Umweltbundesamt hält ausdrücklich fest, dass sie dort anschließend abgeführt werden muss.[1] Ohne einen Luftentfeuchter im Raum steigt die Raumluftfeuchte, die Luft, die wieder angesaugt wird, ist feuchter, und die Trocknung kommt ins Stocken.
Ob das System arbeitet, lässt sich an der Randfuge prüfen: Dort muss spürbar Luft austreten. Kommt an einer Stelle nichts heraus, ist die Dämmschicht dort zu dicht, verklebt oder zugesetzt, und die Bohrungen müssen anders gesetzt werden.
Staub, Fasern und Sporen im Luftstrom
Was in der Dämmschicht liegt, geht beim Überdruckverfahren mit der Luft in den Raum. Das Umweltbundesamt beschreibt, dass bei Schimmelbefall mikrobielle Bestandteile unkontrolliert in die Raumluft freigesetzt werden, und empfiehlt das Verfahren bei Schimmelbefall nur für ungenutzte Räume, etwa im Rohbau.[1] Das gilt nach dem Leitfaden nicht nur bei Verdacht auf mikrobiellen Befall, weil auch Stäube und Fasern an die Umgebung verteilt werden.[1] Der Hersteller Dantherm nennt neben Sporen ausdrücklich Dämmstofffasern und Quarzstaub, die ein Überdruckstrom aus der Konstruktion in die Raumluft tragen kann.[5] Ob Keime aus der Dämmschicht zu erwarten sind, klärt darum eine Materialprobe vor Beginn, gerade nach Abwasser oder lange stehendem Wasser.
Für Räume, die während der Trocknung genutzt werden, lässt der Leitfaden ausschließlich Saug- oder Saug-Druck-Verfahren zu.[1] Sind Bauteile von Schimmel befallen, sind Verfahren einzusetzen, die eine Freisetzung von Sporen, Dämmstofffasern und anderen Partikeln verhindern, und die Räume sind bei Bedarf abzuschotten.[1]
Was die Unfallversicherung bei Schimmelsanierungen verlangt
Für Beschäftigte bei der Schimmelpilzsanierung ist die DGUV Information 201-028 noch strenger.[6] Danach ist bei der Hohlraum- und Estrichdämmschicht-Trocknung nur ein Unterdruckverfahren zulässig, dessen Abluft einen Hauptfilter mindestens der Klasse H13 passieren muss.[6]
In ihrer Übersicht der Trocknungsverfahren nennt die DGUV für das Schiebe-Zug- oder Saug-Druck-Verfahren und für das Unterdruckverfahren denselben Vorteil: Sie schützen die Raumluft vor Verunreinigung und eignen sich für hygienisch empfindliche Bereiche wie Krankenhäuser.[6] Ein reines Druckverfahren führt diese Übersicht nicht auf.[6]
Abwärme und Messpausen beim Überdruckverfahren
Der Hersteller Dantherm, der selbst Geräte für beide Verfahren anbietet, beschreibt weitere Nachteile. Beim Überdruck entsteht viel Abwärme, vor allem aus der Energie für Turbine oder Seitenkanalgebläse, und in einem gut gedämmten Gebäude kann sie die Innentemperatur schnell auf über 35 °C treiben, sodass Geräte wegen ihrer Temperaturgrenzen abschalten oder Entfeuchter an Leistung verlieren.[5] Viele Estrichböden reagieren nach derselben Quelle empfindlich auf plötzliche Temperaturschwankungen, die zu Rissen führen können.[5]
Auch die Kontrolle ist schwieriger. Überdruckanlagen müssen nach Dantherm oft 24 bis 48 Stunden abgeschaltet werden, bevor Messwerte erfasst werden können, und für einen ausreichenden Druck in der Konstruktion muss die gesamte Fläche beaufschlagt werden, was Trocknungszeit und Energie kostet.[5] Im Vereinigten Königreich sei die Überdrucktrocknung noch weit verbreitet, im übrigen Europa werde sie kaum noch eingesetzt.[5]
Saug-Druck: das Überdruckverfahren mit Absaugung
Zwischen beiden Verfahren liegt das Saug-Druck-Verfahren. Dabei wird die feuchte Luft durch Öffnungen aus dem Hohlraum abgesaugt und gleichzeitig getrocknete Luft unter Druck in die Dämmung eingeblasen.[1] Der Saug-Volumenstrom muss nach dem Umweltbundesamt größer sein als der Druck-Volumenstrom, die Konstruktion steht also insgesamt unter Unterdruck.[1]
So lässt sich die Luft gezielt durch einen großen, schwer durchströmbaren Aufbau schieben, ohne dass sie ungefiltert in den Raum austritt. Das Verfahren braucht mehr Geräte und mehr Bohrungen, dafür erreicht es auch Bereiche, in die eine reine Absaugung zu wenig Luft zieht.
Wann wir das Überdruckverfahren noch einsetzen
Die Wahl des Verfahrens fällt vor dem ersten Bohrloch. Wir fragen, woher das Wasser kam, wie lange es stand, ob es riecht, wer in der Wohnung lebt und ob die Räume während der Trocknung genutzt werden. Ein reines Überdruckverfahren kommt bei uns nur in Frage, wenn die Räume während der Trocknung nicht genutzt werden, das Wasser sauberes Leitungswasser war, der Schaden frisch ist und weder Geruch noch Hinweise auf Befall vorliegen. Im Zweifel wählen wir das Unterdruckverfahren oder das Saug-Druck-Verfahren mit Filter.
Wird doch mit Überdruck getrocknet, läuft im Raum immer ein Luftentfeuchter mit, die Randfugen werden auf ausströmende Luft geprüft, und die Temperatur im Raum behalten wir im Blick, damit sich Estrich und Belag nicht übermäßig erwärmen. Die Entscheidung und ihre Gründe halten wir im Trocknungsprotokoll fest, zusammen mit Lage der Bohrungen, Geräten, Zählerständen und Messwerten. So lässt sich später nachvollziehen, warum welches Verfahren gewählt wurde.
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Belege
Quellen
- Umweltbundesamt: Leitfaden zur Vorbeugung, Erfassung und Sanierung von Schimmelbefall in Gebäuden. Stand April 2024, S. 142 und 143. Abgerufen am 24.09.2026. ↑1↑2↑3↑4↑5↑6↑7↑8↑9↑10
- Busch Vacuum Solutions: Seitenkanalgebläse: Funktionsprinzip und häufige Fragen. Abgerufen am 24.09.2026. ↑
- University Corporation for Atmospheric Research (UCAR), Earth Observing Laboratory: Water Vapor Pressure Formulations. Formel der WMO nach dem Guide to Meteorological Instruments and Methods of Observation, Ausgabe 2008. Abgerufen am 24.09.2026. ↑1↑2↑3
- Technische Universität Dresden, Fachrichtung Physik: Physikalisches Grundpraktikum, Versuch LF: Luftfeuchtigkeit. Stand 16.09.2009. Abgerufen am 24.09.2026. ↑1↑2↑3
- Dantherm Group: Wasserschadensanierung: Gezielte Estrich-/Dämmschichttrocknung mit dem Vakuum-Verfahren. Alan James, aktualisiert am 29.07.2025. Abgerufen am 24.09.2026. ↑1↑2↑3↑4↑5
- Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV): DGUV Information 201-028: Gesundheitsgefährdungen durch Biostoffe bei der Schimmelpilzsanierung. Ausgabe November 2022, Abschnitt 9.11 und Anhang 8. Abgerufen am 24.09.2026. ↑1↑2↑3↑4
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