Schlagregen
Auch: Treibregen, windgetriebener Regen
Schlagregen ist Regen, den der Wind aus der senkrechten Fallrichtung ablenkt, so dass er schräg auf Fassaden, Fenster und Anschlüsse trifft und dort in Poren, Fugen und Risse gedrückt werden kann.[1][2] DIN 4108-3 teilt Deutschland nach Jahresniederschlag und Wind in drei Beanspruchungsgruppen ein, und je nach Gruppe brauchen Außenwände einen wasserabweisenden Putz oder eine andere geeignete Bauart.[3][2]
So dringt Schlagregen in eine Außenwand ein
Schematische Darstellung einer Außenwand auf der Wetterseite im Schnitt mit Fenster, draußen Sturm und schräger Regen. Die Nummern folgen dem Wasser vom Wind über Putz, Riss und Fensterfuge bis zur Messung im Raum.
- Wind drückt den Regen schräg an: Der Wind gibt den Tropfen einen seitlichen Schwung, sie fallen schräg und treffen so auf Fassade, Fenster und Anschlüsse. Am meisten bekommt die Wetterseite ab.
- Ein Teil läuft am Putz ab: An der Fassade teilt sich das Wasser auf: Ein Teil läuft als Film hinunter, ein Teil haftet, wird vom Putz aufgesaugt oder verdunstet. In stark beanspruchten Lagen muss der Außenputz deshalb wasserabweisend sein.
- Durch Risse dringt Wasser ein: Der Winddruck presst das Wasser in Poren, Risse und offene Fugen. Hinter einem Riss im Putz wird das Mauerwerk nass, auch wenn die Fläche daneben trocken bleibt.
- Fuge am Fenster lässt Wasser ein: Ist die Fuge zwischen Fensterrahmen und Wand undicht, drückt ein Sturm den Regen hinein, und das Wasser läuft in der Wand nach unten. Innen erreicht es dabei auch Steckdosen und Leitungen, darum kommt vor jeder Arbeit an der nassen Wand die Sicherung heraus.
- Innen feucht: Wand messen: Feuchte Stellen an Laibungen oder unter der Fensterbank messen wir von innen und vergleichen die Wetterseite mit den geschützten Seiten. Erst wenn Riss oder Fuge außen beseitigt sind, trocknen wir die Wand und bauen wieder auf.
Wie Schlagregen auf die Fassade trifft
Normalregen und Schlagregen sind nach einem Bericht des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik bauphysikalische Begriffe und keine meteorologischen.[1] Normalregen fällt vereinfacht nur unter seinem Gewicht senkrecht zu Boden, beim Schlagregen bekommen die Tropfen durch den Wind einen seitlichen Impuls und werden je nach Tropfengröße unterschiedlich stark abgelenkt, bis sie auf den Boden oder auf eine Gebäudeoberfläche treffen.[1]
Welcher Anteil tatsächlich an die Wand kommt, der Kollisionsregen, unterscheidet sich vom Schlagregen im freien Feld, weil das Gebäude die Windströmung stört.[1] An der Fassade teilt sich das Wasser auf: Ein Teil läuft ab, ein Teil haftet, wird aufgesaugt, zerstäubt oder verdunstet.[1] Die Westseite, die Wetterseite, bekommt nach einem Beitrag in der Fachzeitschrift Der Bausachverständige bis zu 50 Prozent des gesamten Schlagregens ab, wobei Nachbargebäude und andere örtliche Einflüsse viel ausmachen.[2] An der Wetterseite gehört zu den Sofortmaßnahmen nach einem Sturm, Risse und offene Fugen abzudecken, weil dort der meiste Regen auftrifft. Für die Messung von Schlagregen gibt es keine normativen Vorgaben, und das Fraunhofer IBP schlägt dafür wie bei Niederschlagsmessern eine Auffangfläche von 200 cm² vor, nur senkrecht statt waagerecht ausgerichtet.[1]
Drückt ein Sturm Regen durch eine undichte Fensterfuge, läuft das Wasser innen an der Wand hinunter und kann Steckdosen und Leitungen erreichen. Wer an die nasse Wand muss, schaltet vorher den Stromkreis an der Sicherung ab, das Licht auszuschalten genügt dafür nicht. Bei einem nassen Sicherungskasten bleibt der Raum tabu, zuständig sind dann Feuerwehr oder örtlicher Netzbetreiber. Steigt Wasser im Keller, bleibt man oben.
Schlagregen am Gebäude abschätzen
Für das Deutsche Institut für Bautechnik hat das Fraunhofer IBP Literatur und Messdaten ausgewertet und vereinfachte Faustformeln abgeleitet: Im freien Feld ergibt sich die Schlagregenmenge aus dem Jahresniederschlag mal der mittleren Windgeschwindigkeit mal einem Faktor von 0,2 s/m, am Gebäude mit einem Faktor von 0,1 s/m.[1] Für eine rund 40 m² große Fassade in Hauptwindrichtung wurde für das ablaufende Wasser im Versuch ein Faktor von 0,035 s/m ermittelt.[1]
Der Jahresniederschlag der ausgewerteten Messstationen des Deutschen Wetterdienstes lag ohne Bergstationen zwischen 456 mm in Berlin-Tegel und 1697 mm in Oberstdorf, im Mittel bei 728 mm, und die mittlere Windgeschwindigkeit zwischen 1,8 m/s in Bamberg und 4,5 m/s auf Helgoland, im Mittel bei 2,5 m/s.[1] Wie sich daraus ein Schlagregenindex berechnen lässt, beschreibt DIN EN ISO 15927-3.[1]
Faktoren, Mittelwerte und Ablaufmengen für ein Einfamilienhaus nach dem Bericht des Fraunhofer IBP, Schlagregenmengen daraus gerechnet für eine Fassade in Hauptwindrichtung.[1]
Der Faktor für das ablaufende Wasser bleibt nicht gleich: Nach einem Jahr Bewitterung lag er bei 0,048 s/m, nach drei Jahren bei 0,035 s/m, weil Hydrophobierungsmittel ausgewaschen und abgebaut werden und die Oberfläche abwittert.[1]
Beanspruchungsgruppen nach DIN 4108-3
DIN 4108-3 teilt Deutschland auf der Grundlage von Wetterdaten des Deutschen Wetterdienstes in drei Gruppen der Schlagregenbeanspruchung ein.[3] Örtliche Besonderheiten zählen zusätzlich, eine Ausrichtung zum Wind oder eine exponierte Lage kann zu einer höheren Gruppe führen, und die Festlegung trifft der Planer für jedes Objekt.[3]
Nach BauNetz Wissen zu DIN 4108-3, besonders windgeschützte Gebäude können eine Gruppe tiefer, Hochhäuser und exponierte Häuser müssen eine Gruppe höher eingestuft werden.[3]
Die aktuelle Ausgabe 2024-03 der Norm ersetzt die Fassung 2018-10 und beschreibt die Prinzipien des Schlagregenschutzes für Außenwände in Abschnitt 6.3 neu.[4] Für den feuchtetechnischen Nachweis sieht sie drei Stufen vor, von der nachweisfreien Konstruktion über das Periodenbilanzverfahren, das jetzt auf Höhenlagen bis 700 m begrenzt ist, bis zur hygrothermischen Simulation.[4]
Welche Wandbauarten Schlagregen standhalten
Tabelle 7 der DIN 4108-3 ordnet den Gruppen Wandbauarten zu, wie der Beitrag im Bausachverständigen zeigt: In Gruppe I braucht ein Außenputz keine besonderen Anforderungen, in den Gruppen II und III muss er wasserabweisend sein.[2] Einschaliges Sichtmauerwerk mit Innenputz reicht mit 31 cm Dicke für Gruppe I und mit 37,5 cm für Gruppe II, in Gruppe III ist zweischaliges Verblendmauerwerk mit Luftschicht und Wärmedämmung oder mit Kerndämmung vorgesehen.[2]
Nach Tabelle 1 im Bausachverständigen 2/2024, die Tabelle 7 der DIN 4108-3 wiedergibt, offene Fugen zwischen Bekleidungsplatten beeinträchtigen den Regenschutz danach nicht.[2]
Als wasserabweisend gilt ein Putz oder eine Beschichtung nach BauNetz Wissen, wenn der Wasseraufnahmekoeffizient höchstens 0,5 kg/(m² √h), die diffusionsäquivalente Luftschichtdicke höchstens 2,0 m und das Produkt beider Werte höchstens 0,2 kg/(m √h) beträgt.[3] Zusätzlich sind alle Fugen und Anschlüsse zu planen, und gegen Schlagregen helfen neben konstruktiven Maßnahmen Dichtbänder, Folien und Fugendichtstoffe.[3] Dringt trotzdem Wasser ein, sucht eine Leckageortung die undichte Fuge oft mit gezielter Beregnung von außen.
Wasserabweisende Putze im Vergleich
Über 60 Prozent der Fassaden in Deutschland sind verputzt, mit Putzen von rund 2 cm Dicke, die Jahrzehnte der Witterung standhalten sollen.[2] In der Praxis werden Putze nach ihrem w-Wert eingeordnet: saugend über 2 kg/(m² √h), also 2 Liter Wasser auf einem Quadratmeter Fassade bei einer Stunde Regen, wasserabweisend unter 0,5 kg/(m² √h), und die Zwischenstufe wasserhemmend ist bei der letzten Aktualisierung der DIN 4108 entfallen.[2]
Ein wasserabweisender Putz nimmt trotzdem Wasser auf: In Versuchen an der HTWG Konstanz kam ein Putz mit einem w-Wert von 0,2 auf 4,2 Prozent Gesamtwasseraufnahme, ein anderer mit 0,4 auf 10,8 Prozent.[2] Bei Wärmedämmverbundsystemen sind Armierungsputz und Oberputz unabhängig von der Beanspruchungsgruppe wasserabweisend auszurüsten, damit die Dämmung dahinter trocken bleibt.[2] Nach EN 998-1 werden Putze in die Klassen Wc 0 bis Wc 2 eingeteilt, Wc 2 steht für wasserabweisend, und in der Leistungserklärung und im CE-Kennzeichen erscheint nur diese Angabe.[2]
Nach DIN EN 13914 gelten die Anforderungen schon als erfüllt, wenn eine Putzlage sie erfüllt, was die Verfasser des Beitrags für die höchste Gruppe als unzureichend und schadensträchtig bewerten.[2] Die Gesamtmengen des Niederschlags haben sich in Deutschland in den letzten 20 Jahren kaum verändert, die Zahl der Regen- und Starkregenereignisse hat nach dem Beitrag aber deutlich zugenommen.[2] Unterschätzt wird nach den Verfassern auch Schnee, der vor der Wand liegt oder an ihr haftet: Er taut tagsüber, das Wasser wird in den Putz gesaugt, und gefriert es in den Poren, entstehen Drücke, die Fassadenputze bis zum völligen Versagen schädigen können.[2]
Schlagregen in der Wohngebäudeversicherung
Nach den Musterbedingungen VGB 2022 des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft sind Schäden durch Regen, Hagel, Schnee oder Schmutz nicht versichert, wenn sie durch Fenster, Außentüren oder andere Öffnungen hereinkommen, die nicht ordnungsgemäß geschlossen waren.[5] Das gilt nicht, wenn diese Öffnungen durch Sturm oder Hagel entstanden sind und selbst einen Gebäudeschaden darstellen, und Sturm ist dort eine Luftbewegung ab Windstärke 8, also mindestens 62 km/h.[5] Die Musterbedingungen sind eine unverbindliche Bekanntgabe, abweichende Vereinbarungen sind möglich, und maßgeblich ist der eigene Vertrag.[5]
Wie wir Feuchte nach Schlagregen untersuchen
Zeigen sich nach einem Unwetter feuchte Stellen an Außenwänden, Fensterlaibungen oder unter Fensterbänken, messen wir die Feuchte von innen und vergleichen die Wetterseite mit den geschützten Seiten. Fenster- und Bauwerksanschlüsse, Risse im Putz und Abdeckungen prüfen wir als erste mögliche Eintrittsstellen.
Durchnässte Wände trocknen wir technisch und halten den Verlauf in einem Protokoll fest, das auch der Versicherung als Beleg dient. Die Ursache außen, etwa ein Riss oder eine offene Fuge, wird beseitigt, bevor wir innen wieder aufbauen.
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Belege
Quellen
- Fraunhofer-Institut für Bauphysik IBP, im Auftrag des Deutschen Instituts für Bautechnik: Berechnung des ablaufenden Wassers von einer Gebäudeoberfläche in Abhängigkeit von der Schlagregenmenge, Forschungsbericht T 3351. Bericht BBHB-001/2017/281 vom 20.12.2016, Kapitel 1 Zusammenfassung, 3 Definitionen und 6 Diskussion und Ausblick. Abgerufen am 12.10.2026. ↑1↑2↑3↑4↑5↑6↑7↑8↑9↑10↑11↑12
- Der Bausachverständige, Fachzeitschrift, Beitrag von Sylvia Stürmer und Lars Dahlem (HTWG Konstanz): Witterungsschutz bei Außenputzen: Eine vergleichende Bewertung unterschiedlicher Prüfverfahren zur kapillaren Wasseraufnahme. Heft 2/2024, S. 34 bis 38: Abschnitte 2.1 bis 2.2.3 mit Tabelle 1 (Tabelle 7 aus DIN 4108-3). Abgerufen am 12.10.2026. ↑1↑2↑3↑4↑5↑6↑7↑8↑9↑10↑11↑12↑13↑14
- BauNetz Wissen (Heinze GmbH): Regenschutz im Hochbau nach DIN 4108-3: Beanspruchungsgruppen und Wasseraufnahmekoeffizient. Fachwissen Bauphysik, Feuchteschutz: Regionale Einteilung, Beanspruchungsgruppen I bis III, Anforderungen an Putze und Beschichtungen. Abgerufen am 12.10.2026. ↑1↑2↑3↑4↑5↑6
- DIN Media GmbH: DIN 4108-3:2024-03, Wärmeschutz und Energie-Einsparung in Gebäuden, Teil 3: Klimabedingter Feuchteschutz, Anforderungen, Berechnungsverfahren und Hinweise für Planung und Ausführung, Produktseite mit Einführungsbeitrag. Einführungsbeitrag, Ersatz- und Änderungsvermerk. Abgerufen am 12.10.2026. ↑1↑2
- Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV): Allgemeine Wohngebäude Versicherungsbedingungen (VGB 2022, Wert 1914 Gleitender Neuwert Plus), Musterbedingungen des GDV. Teil A, A 5.1 Sturm und A 5.5.2, Stand Juni 2026. Abgerufen am 12.10.2026. ↑1↑2↑3
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